Dichterpaar
Brückner-Kühner

Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner (beide 1921-1996) sind nicht nur Stifter und für das literarische Profil der Region Nordhessen/Kassel von großer Wichtigkeit, sie stellen in der Geschichte schreibender Paare auch eine Ausnahmeerscheinung dar.

Kulturen des Komischen

Humor, der Komisches künstlerisch ausgezeichnet hervorbringt, ist einer der drei Gegenstandsbereiche der Stiftung Brückner-Kühner, die zusammen mit der Stadt Kassel seit 1985 jährlich den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor vergibt.

Sprachkunst

Bestimmte Formen von Literatur und Sprachkunst sind wichtig, ohne dass sie vom breiten Geschmack profitieren könnten. Daher haben sie Unterstützung besonders nötig. Das betrifft insbesondere innovative Formen der zeitgenössischen Dichtung, für die sich die Stiftung Brückner-Kühner einsetzt.

Preisträger

Helge Schneider (2022)

Der große Komiker und vielseitige Künstler Helge Schneider erhält im Jahr 2022 den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ für sein literarisches und sprachkünstlerisches Werk. Der Preis ehrt Helge Schneider für seinen radikalen, anarchischen, grotesken, immer existenziellen Humor und die dadurch vermittelte Freiheit.

Felicitas Hoppe (2021)

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe wird im Jahr 2021 mit dem „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ ausgezeichnet. Der Preis ehrt die Autorin für ihren feinen Humor, der als Haltung zur Welt und Quelle der Einbildungskraft ihrem einzigartigen Werk zugrunde liegt.

Anaïs Meier (2022)

Die schweizerische Schriftstellerin Anaïs Meier, Jahrgang 1984, erhält im Jahr 2022 den Förderpreis Komische Literatur. Knapp 30 Verlage hatten Vorschläge eingereicht.

Lukas Linder (2021)

Der Dramatiker und Romanautor Lukas Linder aus der Schweiz wird im Jahr 2021 mit dem Förderpreis Komische Literatur ausgezeichnet, vergeben von Stadt Kassel und Stiftung Brückner-Kühner.

Aktuell

Neuer Aufruf zu ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen

Die Stiftung Brückner-Kühner und der S. Fischer Theaterverlag rufen auf ein Neues auf zu „Ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“:

„Wir laden alle Frauen ein, sich mit einer ungehaltenen Rede zu bewerben, um als eine von sechs Rednerinnen am 10. Dezember 2022, dem Tag der Menschenrechte, das Wort zu ergreifen. Die Reden werden im Kasseler Rathaus vor Publikum gehalten und vom Kulturradio des Hessischen Rundfunks aufgezeichnet und gesendet.“

Bis zum 31. Juli 2022 können Reden im Videoformat auf ungehalten.net eingereicht werden. Auf dieser Online-Plattform des Projekts finden sich auch alle weiteren Informationen zur Teilnahme sowie eine große Anzahl von Reden aus dem Jahr 2021.

Buch: Neue ungehaltene Reden ungehaltener Frauen

Im S. Fischer-Verlag ist eine Ausgabe der „Neuen Rundschau“ mit 19 „Neuen ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“ erschienen. 16 dieser Reden entstanden im Rahmen des Projekts „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“. Gesucht waren Reden von gesellschaftlicher und persönlicher Bedeutung, 119 Frauen haben sich beteiligt, sechs von ihnen ausgewählt, um im Kasseler Rathaus gehalten zu werden. Die Neue Rundschau versammelt die Texte dieser ungehaltenen Rednerinnen sowie eine Auswahl weiterer, bemerkenswerter Reden. Als ‚Bonus‘ gibt es zudem drei Reden, die von Nora Gomringer, Stefanie Sargnagel und Katja Lange-Müller auf dem Kasseler Komik-Kolloquium 2020 gehalten wurden. Die erste Auflage ist bereits vergriffen.

Neue ungehaltene Reden am Berliner Ensemble

Im letzten Jahr starteteten wir gemeinsam mit dem S. Fischer Theaterverlag das Projekt Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Von den 119 eingereichten Reden hat das Berliner Ensemble nun fünf ausgewählt und in der Regie von Simon Klösener auf die Bühne gebracht. Premiere war am 6. März 2022. Die Schauspielerinnen Nina Bruns und Konstanze Becker sprechen Reden von Selma Matter, Miriam Miedler, Hannah Perleth, Marie-Alice Schultz und Paula Thielecke. Radio Berlin-Brandenburg hat die Inszenierung besprochen.

„Deine Bilder – Meine Worte“: Dokumentation

Cover Deine BilderIm Rahmen des Jubiliämsprogramms „100 Jahre Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner“ organisierte der Freundeskreis Brückner-Kühner die Ausstellung  „Deine Bilder – Meine Worte“: Gezeigt wurden erstmals in größerem Umfang Gemälde des Schriftstellers Otto Heinrich Kühner. Gegliedert in verschiedene thematische Kabinette waren den Bildern Zitate aus dem Werk von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner zugeordnet. Die vor kurzem erschienene Dokumentation versammelt Abbildungen der ausgestellten Bilder sowie die zugehörigen Texte in Kapiteln, die den Ausstellungskabinetten entsprechen. Die von den Kuratorinnen Elke Böker, Renate Fricke und Erika Mohs besorgte Dokumentation hat 70 Seiten und kostet 10 Euro (für Mitglieder des Freundeskreises 5 Euro). Zu beziehen im Dichterhaus Brückner-Kühner sowie über den Freundeskreis.

Preisverleihung verschoben

Die zunächst für Februar 2022 geplante Verleihung des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor an Helge Schneider und des Förderpreises Komische Literatur an Anaïs Meier muss wegen der Pandemie in den Sommer verschoben werden. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Zum Tod von Herbert Achternbusch

Wir trauern um Herbert Achternbusch, radikal-humoristischer Universalkünstler und im Jahr 2010 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. In der Begründung des Stiftungsrates hieß unter anderem: „Vernunftzwängen begegnet Herbert Achternbusch mit Phantasie, offiziöser Verordnung mit Provokation, kulturellem Anpassungsdruck mit Ohrfeigen für den herrschenden Geschmack. Über das Lustige hinaus wird bei ihm das Komische, auch wo es absurd, verzweifelt oder gegen sich selbst gerichtet scheint, zu einem Refugium von Einbildungskraft, Bewusstheit und Menschlichkeit.“ Der Kasseler Kunsttempel zeigte die Ausstellung „entlich“ mit großen Schrift-Bild-Aquarellen des Künstlers. Auf der Wand war eines seiner Koans zu lesen, das Karl Valentin nicht hätte besser formulieren können und das heute wie seinerzeit ungemein gut passt:
„Schön wär’s, wenn’s schöner wär.“

Anaïs Meier erhält den Förderpreis Komische Literatur 2022

Die schweizerische Schriftstellerin Anaïs Meier, Jahrgang 1984, erhält im Jahr 2022 den Förderpreis Komische Literatur. Die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung wird auf Vorschlag von Verlagen durch die Stadt Kassel und die Stiftung Brückner-Kühner verliehen. Der Verlag Voland & Quist brachte seine Autorin ein und sorgte beim Stiftungsrat damit für einhellige Begeisterung. Der Förderpreis wird gemeinsam mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor vergeben, der, wie bereits gemeldet, für das Jahr 2022 Helge Schneider zugesprochen wurde.
Weitere Information gibt es >>> hier.

Ivan Fíla: Briefe an eine Verstorbene

Ivan Fíla hat während seines Aufenthalts im Dichterhaus viel fotografiert und noch mehr geschrieben. Wir veröffentlichen hier seinen Text Briefe an eine Verstorbene, eine literarische Hommage an Christine Brückner.

Dichterhaus Brückner-Kühner. Foto: Ivan Fíla

BRIEFE AN EINE VERSTORBENE
Ivan Fíla

Es klingelt an der Tür. Ich mache auf. Draußen steht die Postbotin.
„Ein Einschreiben für Frau Brückner.“
Ich stutze.
„Frau Brückner ist schon seit 25 Jahren tot!“
„Sie sind neu hier, was?“, fragt die untersetzte Brünette mit einer gelben Schildmütze auf dem Kopf.
„Ist der Tod denn ein Grund, dass sie keine Briefe mehr bekommt?“
„Nein, aber …“
„Unterschreiben Sie hier und legen Sie‘s ihr auf den Tisch“, sagt die Frau schroff und zieht wieder davon.
Ich gehe ins Arbeitszimmer. Lege den Brief auf den Schreibtisch, auf einen kleinen Haufen zu den anderen. Auf allen steht der Name der verstorbenen Schriftstellerin Christine Brückner. Ich erinnere mich an Friedrich, einen sympathischen Mann in seinen Sechzigern, der mich am Bahnhof in Kassel abgeholt und in ihr Haus gebracht hat.
„Außer Ihrer literarischen Tätigkeit werden Sie hier auch so ein bisschen Verwalter des Museums sein.“
„Des Museums?“, verstand ich nicht.
„Ich mache hier regelmäßig Führungen. Das Haus gehört der Stiftung Brückner- Kühner, ich leite sie, bin deren einziger Angestellter. Aber keine Angst, während Ihres Aufenthaltes werde ich Sie nicht stören. Sie werden hier mit Toten wohnen, die werden Sie auf andere Gedanken bringen.“
Der grauhaarige Mann mit sportlicher Figur öffnete die Tür zum Arbeitszimmer. Es war mit Möbeln aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts eingerichtet.
„Bewegen Sie hier nichts. Alles ist so geblieben, wie es Christine 1996 verlassen hat, als sie starb. Auch ihre Brille“, zeigte er auf den Arbeitstisch.
„Sie hat das so gewollt?“
„Wir haben uns darüber nie unterhalten, ich spürte aber ihren Wunsch. Wir haben uns sehr gut gekannt.“
„Und ihr Mann?“
„Sein Arbeitszimmer war nebenan. Da ist jetzt mein Arbeitszimmer.“
„Dort darf man auch nichts bewegen?“
„Otto hatte einen solchen Wunsch nicht.“
„Woran ist er gestorben?“
„Hirntumor. Bei Christine wurde dann der gleiche Tumor festgestellt. Sie starb zwei Monate nach ihm. Beide waren spirituell stark miteinander verbunden. Sie wurden auch im selben Jahr geboren. 1921.“
Er schaute mich lange an und sagte leise:
„Sie werden als ein anderer Mensch heimkehren. Ihren Vorgänger hat das hier stark inspiriert. Haben Sie mit ihm gesprochen?“
„Nein. Wir kennen uns nicht persönlich.“
„Sie werden die Stimmen der Toten hören. Auch im Schlaf.“
„Machen Sie mir keine Angst.“
„Ist angenehm. Mit Christine kann man sich gut unterhalten.“
„Es ist wohl besser, wenn ich nicht reingehe, damit ich hier nichts verändere.“
„Nein, nein, setzen Sie sich ruhig hin, lesen Sie und warten Sie, bis Sie ihre Stimme hören. Es wird Sie bereichern, Sie werden anfangen, anders zu schreiben. Ich habe das an mir selbst ausprobiert.“
Er ging zum Regal.
„Hier stellte Christine die Bücher von lebenden Autoren hin. Auch meine Wenigkeit.“
Er ging auf die andere Seite zu einem kleineren Regal.
„Und hier ordnete sie alle Verstorbenen ein. Interessanterweise suchte sie lange vor ihrem Tod achtzehn ihrer eigenen Titel aus und stellte sie zu den Verstorbenen.
„Sagte sie Ihnen warum?“
„Nein. Ich habe nicht gefragt“, lächelte er freundlich und gab mir die Hand. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich an.“
Weder die erste noch die zweite Nacht habe ich etwas geträumt. Erst die dritte.
„Morgen kommt ein Einschreiben für mich. Frag die Postbotin nichts und leg ihn auf den Tisch“, hörte ich eine sanfte Frauenstimme.
Ich wachte auf. Im Halbschlaf ging ich vor die Tür. Draußen goss es. Ich kroch zurück ins Bett und schlenderte mit den Augen in der Dunkelheit umher.
„Ich habe am liebsten nachts geschrieben“, fuhr Christine nach einer Weile fort. „Das ist nicht deine Zeit, oder?“
„Nein“, entfuhr es mir, als ob sie hier mit mir wäre. „Am besten schreibe ich morgens, ich hasse die Dunkelheit.“
„Dann fiel ich in tiefen Schlaf, aus dem mich das Schrillen der Türklingel aufweckte. Draußen stand die Brünette mit der gelben Schildmütze.
„Ein Einschreiben für Frau Brückner.“
„Ich weiß“, sagte ich kurz.
Die Postbotin schaute verdutzt.
„Wie das?“
„Ich habe mit ihr gesprochen“, lächelte ich und unterschrieb die Empfangsbestätigung.
Ich ging ins Zimmer und legte den Brief zu den anderen.
„Interessiert dich nicht, was sie mir schreiben?“, hörte ich Christine, als ich die Tür schließen wollte.
Ich drehte mich um, suchte mit dem Blick das Zimmer ab.
„Lies vor“, sagte sie.
Ich ging zum Tisch zurück, öffnete den Brief mit dem Briefkopf der UNESCO und las laut. Sie dankten für die finanzielle Unterstützung.
„Meine Stiftung schickt ihnen jedes Jahr Geld. Ich bin reich gestorben.“
Für einen Moment schien es mir, als ob ich sie vor mir sehen würde und erblickte ihr Lächeln.
„Mein erstes Buch habe ich anonym bei einem Roman-Wettbewerb eingereicht. Es gewann unter siebenhundert Manuskripten und erschien dann bei Bertelsmann. Es hat sich über 350.000 Mal verkauft. In meinem ganzen Leben habe ich fast zwei Millionen Bücher verkauft. Mit dem Geld habe ich mir Freiheit verschafft. Nach der Liebe der größte Wert.“
In der Tür klirrte der Schlüssel. Im Flur des kleinen 1956 erbauten Reihenhauses waren Schritte zu hören. Friedrich trat ins Zimmer ein. Christines Stimme verlor sich.
„Sie haben uns gestört“, sagte ich mit leicht vorwurfsvollem Ton.
„Hab‘ keine Angst, sie kommt zurück“, ging er zum Duzen über.
„Wo bin ich eigentlich? Wo habt Ihr mich hingeschickt?“
„Du bist Stipendiat des Hessischen Literaturrates. Wir haben dich auf Empfehlung des Prager Literaturhauses ausgewählt. Du erschienst uns interessant.“
„Warum ich? Warum gerade hier?“
„Das ist erst der Anfang, mein Freund. Du ahnst nicht, was Dich hier noch erwartet.“
Er lächelte, nahm die Post und ging.

(Kassel, 2.12.21)

Strebe zum Halben! Komische Lyrik auf die Bühne!

Lyrik-Akteure
Friedrich W. Block (Stiftung Brückner-Kühner), Christian Maintz (Dichter), Ede Müller (Schultheaterzentrum), Dagmara Kraus und Karla Reimert (Dichterinnen), Maria Rehborn (Schultheaterzentrum), dahinter Mitglieder des LK Musik der Jacob-Grimm-Schule

Im Rahmen des Jubiläumsprogramms anlässlich der 100. Geburtstage des Kasseler Schriftstellerpaares Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner (beide 1921–1996) startete die Stiftung Brückner-Kühner in Kooperation mit dem Schultheaterzentrum Nordhessen, dem Offenen Kanal Kassel, der Well being Stiftung und dem Netzwerk Lyrik im Jahr 2021 das Projekt „Strebe zum Halben! Komische Lyrik auf die Bühne!“: Zeitgenössische komische Gedichte werden von Gruppen aus verschiedensten Schulen mit performativen Mitteln umgesetzt. Nach dem Auftakt, zu dem hier berichtet wird, wird das Projekt weiterentwickelt. Eine nächste Präsentation wird – sofern Corona es zulässt – für die Nordhessischen Schultheatertage vorbereitet. Einzelne Ergebnisse von Gedichtverarbeitungen aus dem Jahr 2021 sowie weitere werden demnächst hier auf der Website als Materialpool für Schüler:innen und Lehrende veröffentlicht.

Glücklicherweise konnten trotz der Pandemie nach einer an den Schulen denkbar schwierigen Vorbereitungsphase am 2. Juli 2021 die bisher erarbeiteten Ergebnisse in der UK 14 / Schultheaterzentrum Nordhessen präsentiert werden: 10 Gruppen ganz unterschiedlicher Schulformen zeigten ihre Umsetzungen komischer Gedichte von Otto Heinrich Kühner, Dagmara Kraus, Christian Maintz, Dalibor Marković, Karla Reimert, Nora Gomringer, Michael Lentz u.a.: Verarbeitungen mit Mitteln des darstellenden Spiels auf der Bühne, des Films, der Vertonung bzw. musikalischen Aufführung. Bei der Vorbereitung wurden sie dabei in Workshops von AutorInnen der Gedichte und weiteren KünstlerInnen unterstützt. Die Schulgruppen kamen von der Schule am Wall, der Käthe-Kollwitz-Schule (Hofgeismar), dem Lichtenberg-Gymnasium, der Jacob-Grimm-Schule, der Elisabeth-Knipping-Schule, dem Wilhelmsgymnasium und dem Friedrichsgymnasium.

Die mit Gesprächen erweiterten Präsentationen in der UK14 erfolgten unter Beteiligung von Dagmara Kraus, Christian Maintz, Dalibor Marković und Karla Reimert, die ihre Gedichte vortrugen und sich mit den SchülerInnen und ihren LehrerInnen bzw. SpielleiterInnen in Gesprächen zum bisherigen Prozess austauschten. Kurator Friedrich W. Block führte moderierend durch das vierstündige Programm, das nur von den aktiv Beteiligten live verfolgt werden konnte. Der Offene Kanal Kassel hat die Veranstaltung jedoch freundlicherweise gefilmt. Die Sendung kann in vier Teilen in der Mediathek des Offenen Kanals abgerufen werden:

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

Kulturamtsleiterin Carola Metz und Tobias Krechel für die Well being Stiftung hoben eingangs in ihren Grußworten die Zuversicht hervor, die nach entbehrungsreicher Zeit gerade für junge Menschen von dem Projekt und der Veranstaltung ausgehen würde. Friedrich Block erläuterte in seiner Einführung den Kerngedanken des Projekts: Es gehe darum, junge Menschen mit ganz unterschiedlichem Bildungshintergrund die Faszination zeitgenössischer Poesie zu eröffnen, indem die Schülerinnen und Schüler aktiv und kreativ auf Gedichte reagieren, sie umsetzen und inszenieren. Diese Form poetischer Bildung könne die jungen Menschen ermächtigen, die Vielfalt, Offenheit, Schönheit, Sprachsensibilität und kritische Kraft poetischer Texte zu erleben. Denn das Gedicht ermögliche wie wenig andere Kunstformen, den Erfahrungen mit den enormen Herausforderungen der Gegenwart Ausdruck zu geben. Die Komik helfe dabei, Schwellen zu überwinden, und das vermeintlich Schwere leichter zu nehmen ohne es auszublenden.

Zu Beginn standen komische Gedichte von Otto Heinrich Kühner im Zentrum. Ausgesprochen vielfältig waren bereits hier die Umsetzungen: ob nun als gekonnte Vertonung durch einen Musik-Leistungskurs und als körperbetonter Sprechakt auf der Bühne eines Kurses für Darstellendes Spiel der Jacob-Grimm Schule oder als hinreißender Film, der an der Schule am Wall entstand, deren Grundschüler aus verschiedensten Kulturen stammen.

Dalibor Marković hatte mit Förderschülern der Käthe-Kollwitz-Schule in Hofgeismar eines seiner Sprechgedichte als Film umgesetzt. Im zuvor aufgezeichneten Gespräch betonte er, welche Möglichkeiten in einem kreativen Umgang mit Gedichten gerade auch für Kinder und Jugendliche stecken, die kaum lesen und schreiben können oder der deutschen Sprache nicht recht mächtig seien.

Dagmara Kraus, Christian Maintz und Karla Reimert trugen ihre Gedichte vor, deren Bildlichkeit sowohl szenisch als auch filmisch umgesetzt worden war – wirklich beeindruckend sind hier der Einfallsreichtum und auch die ästhetische Kraft der Verarbeitungen!

In den begleitenden Gesprächen hoben die Schülerinnen und Schüler hervor, wie befreiend und inspirierend sie die Möglichkeit erlebt hätten, sich Gedichte anders als mit einer klassischen Gedichtanalyse des Deutschunterrichts kreativ und subjektiv zu erschließen: statt des Ringens um die richtige Interpretation und die Intention des Autors habe es vielmehr das Ringen um Wörter, Bilder und Klänge gegeben, ganz persönliche Zugänge und ein intensives Eindringen in die Welt des Gedichts.

Darin wurden sie von den anwesenden Autorinnen bestätigt: DIE richtige Interpretation gebe es gar nicht, dagegen Vielfalt und Mehrdeutigkeit, ihre vermeintliche Intention sei eine Fiktion. In dieser Hinsicht entspräche das Gedicht auch der Uneindeutigkeit gegenwärtiger Verhältnisse (Stichwort: „Ambiguitätstoleranz“).

Dagmara Kraus forderte denn auch ausdrücklich, dass aus diesen Gründen der kreative Umgang mit dem Gedicht unbedingt in den Lehrplänen aller Schulstufen festgeschrieben werden müsse. Und Karla Reimert, die am Berliner Haus für Poesie die Abteilung für poetische Bildung leitet, appellierte an die Schülerinnen und Schülern, Gedichte zu schreiben, an die Schulen, dies, wie es in vielen anderen Ländern der Fall sei, zu ermöglichen, und an die Lehrer, Talente zu entdecken und zu fördern.

Alles in allem war das vierstündige Programm für alle Anwesenden absolut kurzweilig und erfrischend. Die Organisatoren streben an, das einzigartige Projekt fortzusetzen und – sofern dafür Ressourcen gefunden werden – in Kassel zu verankern. Als nächstes wird an einer Website gearbeitet, um dort die vielen beeindruckenden Ergebnisse zugänglich zu machen.

Gefördert wurde das Projekt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Kulturamt der Stadt Kassel sowie Lesungen und Gespräche im Rahmen von „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch den Deutschen Literaturfonds.

Alle Fotos: Karl-Heinz Mierke. Copyright: Stiftung Brückner-Kühner und K.H. Mierke.

Ungehaltene Reden: 100 Jahre Christine Brückner

Am 10. Dezember 2021 wäre Christine Brückner 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gibt es das Projekt „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“: Dem Aufruf, eine eigene ungehaltene Rede zu verfassen, sind 119 Frauen gefolgt. Sechs von ihnen wurden von einer Jury ausgewählt: Maelene Lindgren, Doro Ahlemeyer, Karin Schwalm, Sandra Rosas, Çağla Şahin und Marie-Alice Schultz. Sie haben ihre Reden am 10. Dezember um 18 Uhr im Kasseler Rathaus gehalten; die Veranstaltung wurde gestreamt. Diese eingeladenen und viele der eingereichten Reden sind auf ungehalten.net abrufbar. hr2-kultur und der Offene Kanal Kassel haben Mitschnitte der Festveranstaltung gesendet. In der Sendung „Doppelkopf“ von hr2-kultur am 1.12.2021 redet Mitinitiatorin Friederike Emmerling über das Projekt. 3sat-„Kulturzeit“ hat über die Veranstaltung berichtet und Deutschlandradio Kultur sendete am 10.12.21 weitere Beiträge zu Christine Brückner und zum Projekt „ungehalten“.
Näheres zum Projekt sowie zu den eingereichten und eingeladenen Reden gibt es >>> hier auf ungehalten.net.

Dichterhaus Brückner-Kühner

 

Öffnungszeiten:

jeden 1. Montag im Monat, 15 bis 18 Uhr.

Führungen:

wochentags nach Terminabsprache.

Eintritt:

Der Besuch (inklusive Führung) kostet 5 Euro.

Anmeldungen

bitte telefonisch über 0561/24304 oder per Email an post[at]brueckner-kuehner.de.

Das ist der erste Titel

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Das ist der zweite Titel

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