Dichterpaar
Brückner-Kühner

Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner (beide 1921-1996) sind nicht nur Stifter und für das literarische Profil der Region Nordhessen/Kassel von großer Wichtigkeit, sie stellen in der Geschichte schreibender Paare auch eine Ausnahmeerscheinung dar.

Kulturen des Komischen

Humor, der Komisches künstlerisch ausgezeichnet hervorbringt, ist einer der drei Gegenstandsbereiche der Stiftung Brückner-Kühner, die zusammen mit der Stadt Kassel seit 1985 jährlich den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor vergibt.

Sprachkunst

Bestimmte Formen von Literatur und Sprachkunst sind wichtig, ohne dass sie vom breiten Geschmack profitieren könnten. Daher haben sie Unterstützung besonders nötig. Das betrifft insbesondere innovative Formen der zeitgenössischen Dichtung, für die sich die Stiftung Brückner-Kühner einsetzt.

Preisträger

Gerhard Henschel (2023)

Gerhard Henschel erhält im Jahr 2023 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Die von Stiftung Brückner-Kühner und Stadt Kassel vergebene Auszeichnung ehrt einen hervorragenden Autor der deutschsprachiger Hochkomik mit breitem Œuvre. Die Preisverleihung wird am 6. Mai 2023 im Kasseler Rathaus vorgenommen.

Helge Schneider (2022)

Der große Komiker und vielseitige Künstler Helge Schneider erhält im Jahr 2022 den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ für sein literarisches und sprachkünstlerisches Werk. Der Preis ehrt Helge Schneider für seinen radikalen, anarchischen, grotesken, immer existenziellen Humor und die dadurch vermittelte Freiheit.

Anaïs Meier (2022)

Die schweizerische Schriftstellerin Anaïs Meier, Jahrgang 1984, erhält im Jahr 2022 den Förderpreis Komische Literatur. Knapp 30 Verlage hatten Vorschläge eingereicht.

Lukas Linder (2021)

Der Dramatiker und Romanautor Lukas Linder aus der Schweiz wird im Jahr 2021 mit dem Förderpreis Komische Literatur ausgezeichnet, vergeben von Stadt Kassel und Stiftung Brückner-Kühner.

Aktuell

„Deine Bilder – Meine Worte“: Dokumentation

Cover Deine BilderIm Rahmen des Jubiliämsprogramms „100 Jahre Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner“ organisierte der Freundeskreis Brückner-Kühner die Ausstellung  „Deine Bilder – Meine Worte“: Gezeigt wurden erstmals in größerem Umfang Gemälde des Schriftstellers Otto Heinrich Kühner. Gegliedert in verschiedene thematische Kabinette waren den Bildern Zitate aus dem Werk von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner zugeordnet. Die vor kurzem erschienene Dokumentation versammelt Abbildungen der ausgestellten Bilder sowie die zugehörigen Texte in Kapiteln, die den Ausstellungskabinetten entsprechen. Die von den Kuratorinnen Elke Böker, Renate Fricke und Erika Mohs besorgte Dokumentation hat 70 Seiten und kostet 10 Euro (für Mitglieder des Freundeskreises 5 Euro). Zu beziehen im Dichterhaus Brückner-Kühner sowie über den Freundeskreis.

Zum Tod von Herbert Achternbusch

Wir trauern um Herbert Achternbusch, radikal-humoristischer Universalkünstler und im Jahr 2010 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. In der Begründung des Stiftungsrates hieß unter anderem: „Vernunftzwängen begegnet Herbert Achternbusch mit Phantasie, offiziöser Verordnung mit Provokation, kulturellem Anpassungsdruck mit Ohrfeigen für den herrschenden Geschmack. Über das Lustige hinaus wird bei ihm das Komische, auch wo es absurd, verzweifelt oder gegen sich selbst gerichtet scheint, zu einem Refugium von Einbildungskraft, Bewusstheit und Menschlichkeit.“ Der Kasseler Kunsttempel zeigte die Ausstellung „entlich“ mit großen Schrift-Bild-Aquarellen des Künstlers. Auf der Wand war eines seiner Koans zu lesen, das Karl Valentin nicht hätte besser formulieren können und das heute wie seinerzeit ungemein gut passt:
„Schön wär’s, wenn’s schöner wär.“

Anaïs Meier erhält den Förderpreis Komische Literatur 2022

Die schweizerische Schriftstellerin Anaïs Meier, Jahrgang 1984, erhält im Jahr 2022 den Förderpreis Komische Literatur. Die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung wird auf Vorschlag von Verlagen durch die Stadt Kassel und die Stiftung Brückner-Kühner verliehen. Der Verlag Voland & Quist brachte seine Autorin ein und sorgte beim Stiftungsrat damit für einhellige Begeisterung. Der Förderpreis wird gemeinsam mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor vergeben, der, wie bereits gemeldet, für das Jahr 2022 Helge Schneider zugesprochen wurde.
Weitere Information gibt es >>> hier.

Ivan Fíla: Briefe an eine Verstorbene

Ivan Fíla hat während seines Aufenthalts im Dichterhaus viel fotografiert und noch mehr geschrieben. Wir veröffentlichen hier seinen Text Briefe an eine Verstorbene, eine literarische Hommage an Christine Brückner.

Dichterhaus Brückner-Kühner. Foto: Ivan Fíla

BRIEFE AN EINE VERSTORBENE
Ivan Fíla

Es klingelt an der Tür. Ich mache auf. Draußen steht die Postbotin.
„Ein Einschreiben für Frau Brückner.“
Ich stutze.
„Frau Brückner ist schon seit 25 Jahren tot!“
„Sie sind neu hier, was?“, fragt die untersetzte Brünette mit einer gelben Schildmütze auf dem Kopf.
„Ist der Tod denn ein Grund, dass sie keine Briefe mehr bekommt?“
„Nein, aber …“
„Unterschreiben Sie hier und legen Sie‘s ihr auf den Tisch“, sagt die Frau schroff und zieht wieder davon.
Ich gehe ins Arbeitszimmer. Lege den Brief auf den Schreibtisch, auf einen kleinen Haufen zu den anderen. Auf allen steht der Name der verstorbenen Schriftstellerin Christine Brückner. Ich erinnere mich an Friedrich, einen sympathischen Mann in seinen Sechzigern, der mich am Bahnhof in Kassel abgeholt und in ihr Haus gebracht hat.
„Außer Ihrer literarischen Tätigkeit werden Sie hier auch so ein bisschen Verwalter des Museums sein.“
„Des Museums?“, verstand ich nicht.
„Ich mache hier regelmäßig Führungen. Das Haus gehört der Stiftung Brückner- Kühner, ich leite sie, bin deren einziger Angestellter. Aber keine Angst, während Ihres Aufenthaltes werde ich Sie nicht stören. Sie werden hier mit Toten wohnen, die werden Sie auf andere Gedanken bringen.“
Der grauhaarige Mann mit sportlicher Figur öffnete die Tür zum Arbeitszimmer. Es war mit Möbeln aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts eingerichtet.
„Bewegen Sie hier nichts. Alles ist so geblieben, wie es Christine 1996 verlassen hat, als sie starb. Auch ihre Brille“, zeigte er auf den Arbeitstisch.
„Sie hat das so gewollt?“
„Wir haben uns darüber nie unterhalten, ich spürte aber ihren Wunsch. Wir haben uns sehr gut gekannt.“
„Und ihr Mann?“
„Sein Arbeitszimmer war nebenan. Da ist jetzt mein Arbeitszimmer.“
„Dort darf man auch nichts bewegen?“
„Otto hatte einen solchen Wunsch nicht.“
„Woran ist er gestorben?“
„Hirntumor. Bei Christine wurde dann der gleiche Tumor festgestellt. Sie starb zwei Monate nach ihm. Beide waren spirituell stark miteinander verbunden. Sie wurden auch im selben Jahr geboren. 1921.“
Er schaute mich lange an und sagte leise:
„Sie werden als ein anderer Mensch heimkehren. Ihren Vorgänger hat das hier stark inspiriert. Haben Sie mit ihm gesprochen?“
„Nein. Wir kennen uns nicht persönlich.“
„Sie werden die Stimmen der Toten hören. Auch im Schlaf.“
„Machen Sie mir keine Angst.“
„Ist angenehm. Mit Christine kann man sich gut unterhalten.“
„Es ist wohl besser, wenn ich nicht reingehe, damit ich hier nichts verändere.“
„Nein, nein, setzen Sie sich ruhig hin, lesen Sie und warten Sie, bis Sie ihre Stimme hören. Es wird Sie bereichern, Sie werden anfangen, anders zu schreiben. Ich habe das an mir selbst ausprobiert.“
Er ging zum Regal.
„Hier stellte Christine die Bücher von lebenden Autoren hin. Auch meine Wenigkeit.“
Er ging auf die andere Seite zu einem kleineren Regal.
„Und hier ordnete sie alle Verstorbenen ein. Interessanterweise suchte sie lange vor ihrem Tod achtzehn ihrer eigenen Titel aus und stellte sie zu den Verstorbenen.
„Sagte sie Ihnen warum?“
„Nein. Ich habe nicht gefragt“, lächelte er freundlich und gab mir die Hand. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich an.“
Weder die erste noch die zweite Nacht habe ich etwas geträumt. Erst die dritte.
„Morgen kommt ein Einschreiben für mich. Frag die Postbotin nichts und leg ihn auf den Tisch“, hörte ich eine sanfte Frauenstimme.
Ich wachte auf. Im Halbschlaf ging ich vor die Tür. Draußen goss es. Ich kroch zurück ins Bett und schlenderte mit den Augen in der Dunkelheit umher.
„Ich habe am liebsten nachts geschrieben“, fuhr Christine nach einer Weile fort. „Das ist nicht deine Zeit, oder?“
„Nein“, entfuhr es mir, als ob sie hier mit mir wäre. „Am besten schreibe ich morgens, ich hasse die Dunkelheit.“
„Dann fiel ich in tiefen Schlaf, aus dem mich das Schrillen der Türklingel aufweckte. Draußen stand die Brünette mit der gelben Schildmütze.
„Ein Einschreiben für Frau Brückner.“
„Ich weiß“, sagte ich kurz.
Die Postbotin schaute verdutzt.
„Wie das?“
„Ich habe mit ihr gesprochen“, lächelte ich und unterschrieb die Empfangsbestätigung.
Ich ging ins Zimmer und legte den Brief zu den anderen.
„Interessiert dich nicht, was sie mir schreiben?“, hörte ich Christine, als ich die Tür schließen wollte.
Ich drehte mich um, suchte mit dem Blick das Zimmer ab.
„Lies vor“, sagte sie.
Ich ging zum Tisch zurück, öffnete den Brief mit dem Briefkopf der UNESCO und las laut. Sie dankten für die finanzielle Unterstützung.
„Meine Stiftung schickt ihnen jedes Jahr Geld. Ich bin reich gestorben.“
Für einen Moment schien es mir, als ob ich sie vor mir sehen würde und erblickte ihr Lächeln.
„Mein erstes Buch habe ich anonym bei einem Roman-Wettbewerb eingereicht. Es gewann unter siebenhundert Manuskripten und erschien dann bei Bertelsmann. Es hat sich über 350.000 Mal verkauft. In meinem ganzen Leben habe ich fast zwei Millionen Bücher verkauft. Mit dem Geld habe ich mir Freiheit verschafft. Nach der Liebe der größte Wert.“
In der Tür klirrte der Schlüssel. Im Flur des kleinen 1956 erbauten Reihenhauses waren Schritte zu hören. Friedrich trat ins Zimmer ein. Christines Stimme verlor sich.
„Sie haben uns gestört“, sagte ich mit leicht vorwurfsvollem Ton.
„Hab‘ keine Angst, sie kommt zurück“, ging er zum Duzen über.
„Wo bin ich eigentlich? Wo habt Ihr mich hingeschickt?“
„Du bist Stipendiat des Hessischen Literaturrates. Wir haben dich auf Empfehlung des Prager Literaturhauses ausgewählt. Du erschienst uns interessant.“
„Warum ich? Warum gerade hier?“
„Das ist erst der Anfang, mein Freund. Du ahnst nicht, was Dich hier noch erwartet.“
Er lächelte, nahm die Post und ging.

(Kassel, 2.12.21)

„Eins und doppelt“ in Film und Ton

Die Lesungen und Gespräche mit Künstler- und schreibenden Paaren aus dem Jubiläumsprogramm „Eins und doppelt. Paare in Literatur und Kunst“ wurden als Film- oder Audiodokumentation mitgeschnitten, die Filme vom Offenen Kanal gesendet. Zugänge zu den Dokumentationen finden sich >>> hier unter den einzelnen Programmpunkten. Wir wünschen viel Vergnügen und Anregung.

Petr Borkovec über Kassel

Während seines Aufenthalts im Dichterhaus Brückner-Kühner hat Petr Borkovec seine Eindrücke in einer Kolumne für das tschechische Journal iLiteratura.cz verarbeitet. Wir veröffentlichen die Übersetzung ins Deutsche von Franz Schindler.


Petr Borkovec

Kassel

aus dem Tschechischen von Franz Schindler

für FWB

Die deutsche Schriftstellerin Christine Brückner und ihr Ehemann Otto Heinrich Kühner, ebenfalls Schriftsteller, haben mich in ihr Haus nach Kassel eingeladen, um hier einen Oktober zu verleben. Und der Einladung legten sie Photographien bei, auf denen ich sah, dass ihr Haus vorne und hinten mit Lavendel und kleinen Rosen zugewachsen ist und dass im Garten die Statue einer Nymphe steht, die ins Wasser steigt. Oder aus dem Wasser. Ich schrieb, dass ich danke und dass ich kommen werde.

Als ich in Kassel ankam, regnete es, und Christine und Otto waren schon tot. Sie starben gleichzeitig. Ihr Haus war mit dem Lavendel etwas mehr zugewachsen als auf dem Foto, aber ansonsten war alles gleichgeblieben. Mit einem Schwert habe ich mir den Weg und den Zugang freigekämpft, öffnete die Tür und setzte mich in Christines Sessel, das Laptop öffnete ich auf Ottos Schreibtisch und kochte mir in Christines oder Ottos Tasse einen Kaffee. Niemand hatte hier seit ihrem Tod etwas angerührt. Überall um mich herum lagen Bücher, die sie geschrieben hatten (einige gemeinsam), und von allen Wänden und Simsen blickten mich ihre gemeinsamen Fotografien an. Das Haus war bescheiden, drei kleine Zimmer mit Bücherregalen, den einfachsten Sofas und Arbeitstischen. Das Einzige, wofür hier irgendwann einmal Geld ausgegeben wurde – dachte ich mir – waren die Tischlampen, damit man besser auf das Geschriebene sehen konnte. Ich saß und dachte darüber nach und mir kam die Erinnerung an ein anderes berühmtes Paar, das zusammen arbeitete und starb und sich oft fotografierte und filmte. Die Vulkanologen Maurice und Katia Krafft, welche die Vulkane bei der Eruption aus solcher Nähe erforschten, dass sie ein japanischer verschluckte. Als ich einen Dokumentarfilm über ihre Arbeit und ihr Leben sah, merkte ich mir diese bescheidensten Unterkünfte, die sie sich unterhalb der aktiven Vulkane eingerichtet hatten. Ein Leben voller mutiger und ernsthafter Arbeit warf mit Leichtigkeit alles Unnötige von sich. Und die unentbehrlichen Dinge, die zurückblieben, ähnelten den ruhigen, freudigen und schönen Gesichtern ihrer Benutzer!

Ich weiß, dass Christine und Otto nicht zu einem Vulkan mussten, um etwas schreiben zu können. Bis zum Vulkan kannst du einige Dinge nicht bringen! Aber ihr Haus in Kassel ähnelte den nüchternen Arbeitszimmern unterhalb der Vulkane. Und die Schriftsteller ähnelten den Erforschern der lebendig gewordenen Vulkane. Nur im Fenster zum Garten hin stand diese Nymphe und der Regen beklebte sie mit dahinsiechenden Eichenblättern.

Hier in Kassel wachsen überhaupt viele Eichen, von denen klassizistische und romantische Gärtner und auch Joseph Beuys träumten und die jetzt im Oktober das Laub abwerfen. Ihre Blätter erwartet auf dem Weg zur Erde so manch eine Gartenlaube, ein restaurierter Brunnen, eine alte oder neue Statue oder ein Grabengelchen. Und wenn sich am Nachmittag die Sonne zeigt und den Trauerengel bescheint, der in der Nähe der stark befahrenen Straße vor sich hin sinnt – weil die Bombardierung des Krieges, die Kassel fast dem Erdboden gleichmachte, und der schwierige Wiederbau der Stadt auf Schritt und Tritt zu spüren sind – ist die Melancholie das Erträglichste, was den Menschen umgibt. Ein solcher Engel bewacht das Grab von Lotte Amalie, der Schwester der Brüder Grimm. Ein Grab auf der Straße! Fast bin ich darüber gestolpert! An dem schwarzen Flügel des Engels auf dem Grab rauschen von links die Autos vorbei, und gleich rechts daneben schleppt sich auf dem Gehweg ein Trauerzug mit Trommeln und Transparenten „Lockdown sofort beenden“ und „Masken schaden unseren Kindern“ und trägt die Figur eines toten zwölfjährigen Mädchens, eingehüllt in ein Leichenhemd aus Tüchern und Atemschutzmasken.

Wo fällt in Kassel ein Eichenblatt hin, wenn es nicht der Rand eines ausgetrockneten Brunnens aufhält, den ein steinerner Löwe anknurrt. Wenn es nicht die alabasterne Schulter der Flora oder des Hades stoppt, die die Orangerie mit dem Rasen bewachen, der so ausgedehnt und so gepflegt ist, dass er aussieht, als ob er aus polierten Malachitpflastersteinen sei. Wenn es der Wind nicht in die Dachrinne von Humboldts Muschelrestaurant weht?

Wohin steuert diese Trauerdemonstration? Zum Museum des Todes, in dem eine temporäre Ausstellung stattfindet, dem Selbstmord gewidmet!

Ich schließe mich heute weder dem Eichenblatt noch der Prozession an, ich folge ihnen nicht, auch wenn ich weiß, dass man im Kasseler Museum für Tod, Sterben, Bestatten und Trauern Filme vorführt und Bilder und Gegenstände zeigt, welche Dutzende von Türen sperrangelweit öffnen, die schon lange halb geöffnet waren, aber ich hatte nicht einmal gemerkt, dass sie um mich herum an den Wänden sind.

Ich kehre zu dem Haus zurück, das das tote Ehepaar zurückließ. Auf dem Weg mache ich aber einen kleinen Umweg.

Ich gehe mir diese steilen Terrassen anschauen, zu denen sie hier in Kassel Weinberg sagen. Das geöffnete alte Tor, durch das man auf den Weinberg gelangt und hinter dem einige Stufen nach oben führen, umringt von Beeten, die ich zuerst für einen alten Friedhof gehalten hatte, befindet sich – wie dieser Engel von Lotte Grimm – in merkwürdiger Nähe zu einer stark befahrenen Straße, so dass es wie ein Fehler aussieht.

Obwohl ich den Ort nur ein paar Mal für wenige Sekunden von der Straßenbahn aus erblickt habe, als sie vorbei an dem Felsen und den ummauerten Terrassen des erhaltenen alten Teils der Stadt hinunterfuhr und gerade hier an Geschwindigkeit zunahm, war es nicht möglich, ihn nicht zu bemerken. Wegen seiner Unmöglichkeit, seiner Unschicklichkeit. Mein erster Eindruck war, glaube ich, jener, dass das Tor, ohne viel nachzudenken, für den Bau an der Straße versetzt wurde. Dieser Bruch kam mir fast verrückt vor (ich weiß nicht, wie ich es besser sagen kann). Auf den Kopf gefallen! Ich sah aber auch sofort, dass man durch das Tor gut und leicht eintreten kann, dass trotz aller Schwierigkeiten ein unauffälliger Gehweg zu ihm führt, und ich bemerkte, dass in dem einladenden und friedlichen Grün, in welches es führte und das sich schon verfärbte, dort zwischen den von Efeu und Königskerzen zugewachsenen Mauern und auf den Aussichtspunkten, die zur Sonne gewandt waren, niemals jemand war.

Da will ich hin.

***

Petr Borkovec lebte und arbeitete den Oktober 2021 über im Dichterhaus Brückner-Kühner mit einem Stipendium des Hessischen Literaturrats.

Ivan Fíla und Petr Borkovec schreiben im Dichterhaus

Im Oktober und November sind nacheinander die beiden tschechischen Schriftsteller Petr Borkovec und Ivan Fíla im Dichterhaus Brückner-Kühner zu Gast. Sie erhielten Stipendien vom Hessischen Literaturrat, um sich in der inspirierenden Umgebung von Dichterhaus, Stadt und Umland ganz auf ihre aktuellen Schreibprojekte konzentrieren zu können. Beide verarbeiten auch die hier gesammelten Eindrücke in Text und Bild. Der Dichter Petr Borkovec las am 30.10. zum Tag der Bibliotheken in der Kasseler Stadtbibliothek. Dort wird auch Ivan Fíla, Autor, Filmemacher und Fotograf, am 1.12.2021, 19 Uhr, zu Lesung und Gespräch erwartet.

Weitere Informationen gibt es hier >>> zu Petr Borkovec und hier >>> zu Ivan Fíla.

Helge Schneider erhält den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 2022

Der große Komiker und vielseitige Künstler Helge Schneider erhält im Jahr 2022 den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ für sein literarisches und sprachkünstlerisches Werk. Der Preis ehrt Helge Schneider für seinen radikalen, anarchischen, grotesken, immer existenziellen Humor und die dadurch vermittelte Freiheit.

Die Preisverleihung im Kasseler Rathaus wurde vom Februar auf den 1. September 2022 verschoben. Die Laudatio auf Helge Schneider hält die Schriftstellerin Felicitas Hoppe, Preisträgerin des Jahres 2021. Die Begründung des Stiftungsrates und weitere Informationen finden sich >>> hier.

100 Jahre Otto Heinrich Kühner: 10.3.2021

Meine Biographie 

Geboren am 10. März 1603
Aus einem zerbrochenen Kranichei,
Entdeckte als erster Amerika,
Lebte auf Delos mit Nausikaa,
War Musikant, Clochard und dann
Goldgräber, Mönch und Fahrensmann,
War Handwerksbursche und Kneipenwirt,
Harlekin und kretischer Ziegenhirt,
War Erbprinz, Mogul und Großwesir,
Und in Bosnien k. u. k. Offizier,
Schließlich Poet bedeckt mit Ruhm,
Und Apoll im delphischen Heiligtum.

Ich habe meine Jahre gut verwendet
Und die Zeit maßlos verschwendet.

*
>>> Pressemitteilung zum 100. Geburtstag von Otto Heinrich Kühner

„Pummerer. 100 komische Gedichte“

Aus Anlass des 100. Geburtstages von Otto Heinrich Kühner (10. März 2021) ist soeben unter dem Titel „Pummerer“ ein Band mit 100 komischen Gedichten des Autors im Kasseler Jenior-Verlag erschienen. Die Pummerer-Verse entfalten ein skurriles und gewitztes, mal dunkles, doch meist heiteres Denken und Reden. Verstörendes, Verrücktes und Allzumenschliches spiegeln sich im Humor: „Er reimt Dinge, die sich im Leben nicht reimen“, so Christine Brückner, die Kollegin und Ehefrau des Autors. Die in sieben Kapitel gegliederte Auswahl ist mit Zeichnungen des Karikaturisten Gerhard Glück illustriert und herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Friedrich W. Block. Das Buch hat 120 Seiten und kostet 18,- Euro (ISBN: 978-3-95978-083-4).
>>> Leseprobe Pummerer

Dichterhaus Brückner-Kühner

 

Öffnungszeiten:

jeden 1. Montag im Monat, 15 bis 18 Uhr.

Führungen:

wochentags nach Terminabsprache.

Eintritt:

Der Besuch (inklusive Führung) kostet 5 Euro.

Anmeldungen

bitte telefonisch über 0561/24304 oder per Email an post[at]brueckner-kuehner.de.

Das ist der erste Titel

Your content goes here. Edit or remove this text inline or in the module Content settings. You can also style every aspect of this content in the module Design settings and even apply custom CSS to this text in the module Advanced settings.

Das ist der zweite Titel

Your content goes here. Edit or remove this text inline or in the module Content settings. You can also style every aspect of this content in the module Design settings and even apply custom CSS to this text in the module Advanced settings.