Das Dichterpaar
Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner (beide 1921–1996) sind nicht nur Stifter – oder wie sich selbst nannten „Anstifter“, sondern für das literarische Profil der Stadt Kassel und Nordhessen von großer Bedeutung. Außerdem stellen sie in der Geschichte schreibender Paare auch eine Ausnahmeerscheinung dar, denn sie waren laut Selbstbezeichnung der einzig funktionierende Autorenverband. Die lebendige Erinnerung an die beiden Autoren geschieht durch Veranstaltungen, Ausstellungen, Archivierung und Publikationen zu und aus ihrem Werk. Im „Dichterhaus Brückner-Kühner“, dem Wohnhaus des Paares und Kassels kleinstem Museum, finden nach Terminvereinbarung Führungen statt. Unweit des Dichterhauses entstand der „Brückner-Kühner-Platz“.
Christine Brückner
Christine Brückner wurde am 10. Dezember 1921 als Tochter des Pfarrers Carl Emde und dessen Frau Clotilde in Schmillinghausen bei Arolsen geboren. Von 1934 an lebte sie in Kassel bis zur Zerstörung eines Großteils der Stadt im Oktober 1943. Sie war kriegsdienstverpflichtet und machte zwischendurch ihr Abitur. Nach einer Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin nahm sie das Studium der Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Psychologie auf. Von 1948 bis 1958 war sie mit dem Keramikkünstler Werner Brückner verheiratet. In dieser Zeit erfolgten häufige Berufs- und Ortswechsel. 1960 kam sie wieder nach Kassel und lebte dort ab 1967 mit ihrem zweiten Mann, dem Schriftsteller Otto Heinrich Kühner. 1954 erhielt sie für ihren ersten Roman „Ehe die Spuren verwehen“ den ersten Preis eines Romanwettbewerbs des Bertelsmann-Verlags. Seitdem war sie hauptberufliche Schriftstellerin. Große Erfolge feierte Christine Brückner mit der „Poenichen-Trilogie“ (1975-1985) und den Theatermonologen „Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ (1983). Von 1980 bis 1984 war sie Vizepräsidentin des deutschen PEN. 1982 wurde sie mit der Goethe-Plakette des Landes Hessen ausgezeichnet, 1990 mit dem Hessischen Verdienstorden, 1991 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1996 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz. Die Ehrenbürgerin der Stadt Kassel verstarb am 21.12.1996 und liegt gemeinsam mit ihrem Mann auf dem Friedhof von Schmillinghausen begraben.
Soweit nicht anders verzeichnet, sind die Werke im Ullstein-Verlag (Berlin) erschienen.
- Ehe die Spuren verwehen. Roman. Gütersloh: Bertelsmann 1954.
- Katharina und der Zaungast. Roman. Gütersloh: Bertelsmann 1957.
- Kleine Spiele für große Leute. Gütersloh: Bertelsmann 1957.
- Botschaften der Liebe in deutschen Gedichten des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Christine Brückner. Frankfurt a.M.: Propyläen: 1960.
- Ein Frühling im Tessin. Roman. 1960.
- Die Zeit danach. Roman. 1961.
- An mein Kind. Deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Christine Brückner. 1962.
- Bella Vista und andere Erzählungen. 1963.
- Letztes Jahr auf Ischia. Roman. 1964.
- Der Kokon. Roman. 1966.
- Alexander der Kleine. Eine heitere Erzählung. München: Rudolf Schneider 1966.
- Das glückliche Buch der a.p. Roman. 1970.
- A brother for Momoko. London: The Bodley Head 1970 (Kinderbuch); dt.: Ein Bruder für Momoko. Hanau: Hans Peters 1981.
- Wie Sommer und Winter. Roman. Reutlingen: Ensslin & Laiblin 1971 (Jugendbuch).
- Überlebensgeschichten. 1973.
- Momoko und Chibi. Hanau: Hans Peters 1974 (Kinderbuch).
- Die Weltreise der Ameise. Reutlingen: Ensslin & Laiblin 1974 (Kinderbuch).
- Jauche und Levkojen. Roman. 1975.
- Die Mädchen aus meiner Klasse. Roman. 1975.
- Nirgendwo ist Poenichen. Roman. 1977.
- Erfahren und erwandert (mit Otto Heinrich Kühner). Berlin: Propyläen 1979.
- Momoko ist krank. Hanau: Hans Peters 1979 (Kinderbuch).
- Mal mir ein Haus (mit Otto Heinrich Kühner). Hanau: Hans Peters 1980 (Kinderbuch).
- Mein schwarzes Sofa. Aufzeichnungen. 1981.
- Das eine sein, das andere lieben. Roman. 1981.
- Momoko und der Vogel. Hanau: Hans Peters 1982 (Kinderbuch).
- Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Hamburg: Hoffmann und Campe 1983.
- Lachen um nicht zu weinen. Ein Lesebuch. Sankt Augustin: Hans Richarz 1984.
- Juist. Ein Lesebuch. 1984.
- Was ist schon ein Jahr. Frühe Erzählungen. 1984.
- Die Quints. Roman. 1985.
- Lesezeit. Eine persönliche Anthologie. Hrsg. v. Christine Brückner. 1986.
- Deine Bilder. Meine Worte (mit Otto Heinrich Kühner). Berlin: Propyläen 1986.
- Hat der Mensch Wurzeln. Autobiographische Texte. Hrsg. v. Gunther Tietz. 1988.
- Die letzte Strophe. Roman. 1989.
- Die Stunde des Rebhuhns. Aufzeichnungen. 1991.
- Lieber alter Freund. Briefe. Stuttgart: Edition Johannes Kühn 1992.
- Weitere ungehaltene Reden. Baunatal: Hessen Druck 1995.
- Früher oder später. Roman. 1994.
- Ständiger Wohnsitz. Kasseler Notizen. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen v. Friedrich W. Block. 1998.
- Ich will Dich den Sommer lehren. Briefe aus vierzig Jahren. (Gem. mit Otto Heinrich Kühner.) Hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Friedrich W. Block. Berlin: Ullstein 2003.
Im Ullstein-Verlag ist eine 20bändige Werkausgabe erschienen, darin neu:
- Werk und Leben. Mit Beiträgen von Walter Pape, Gunther Tietz, Otto Heinrich Kühner und Sigrid Bauschinger. 1994
- Die Bürgerinnen von Calais. Schauspiele, Hörspiele. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Walter Hinck. 1997.
- Briefe von c.b. An Verleger, Freunde und Leser. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Anselm Maler. 1999.

Otto Heinrich Kühner

Otto Heinrich Kühner wurde am 10. März 1921 in Nimburg/Baden als Sohn des Pfarrers und späteren Theologieprofessors Gustav Kühner und dessen Frau Luise geboren. Er besuchte die Volksschule in Pforzheim und das Kurfürst-Friedrich-Gymnasium in Heidelberg bis zum Abitur 1939. Es folgten Arbeitsdienst und ein kurzes (Kriegs-)Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Heidelberg. Danach war er Soldat im Zweiten Weltkrieg, zuletzt in Russland, und geriet 1945 in sowjetische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung studierte er ab 1947 Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaft in Heidelberg und Marburg. Zwischen 1950 und 1965 arbeitete er beim Süddeutschen Rundfunk als Hörspiellektor und -dramaturg. Er verfasste zahlreiche Hörspiele, so auch Die Übungspatrone (1950), das zu den meistgesendeten Hörspielen der Nachkriegszeit gehört. Zu seinem breiten und vielseitigen Œuvre gehören Romane (darunter der erfolgreiche erste Roman Nikolskoje aus dem Jahr 1953 und provokant Lebenslauf eines Attentäters von 1975), Erzählungen und Lyrik, wobei er damit insbesondere an die Tradition humoristischer Erzähl- und Verskunst anschloss. Seine komische Kunstfigur Pummerer trieb jahrzehntelang in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT, der Frankfurter Rundschau und anderen Journalen als ‚Randspaltenlyrik‘ ihr poetisches Unwesen. 1967 heiratete Kühner seine Kollegin Christine Brückner und zog zu ihr nach Kassel. Kühner war Mitglied der Gruppe 47 und des PEN. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis zum Immermannpreis (1953, 1957) und dem Georg-Mackensen-Preis (Beste deutsche Kurzgeschichte, 1977). Die Stadt Kassel zeichnete ihn 1982 mit ihrem Wappenring aus. Kühner starb nach langer, schwerer Krankheit am 18.10.96 in Kassel und liegt mit Christine Brückner auf dem Friedhof von Schmillinghausen bei Bad Arolsen begraben.
- Die Übungspatrone. Hörspiel. Berlin: Astoria o. J. Erstsendung 1950.
- Hauptmann Matjuschenko. Hörspiel. Berlin: Astoria o. J. Erstsendung 1953.
- Am Rande der Großstadt. Gedichte. Düsseldorf: Kurt Steckfuss 1953.
- Nikolskoje. Roman. München: Langen Müller 1953.
- Auch die Erde ist ein Stern. Drama. Berlin: Astoria 1955.
- Mein Zimmer grenzt an Babylon. Hörspiel, Funkerzählung, Feature. München: Langen Müller 1954.
- Wahn und Untergang 1933-1945. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1956.
- Dann kam die Stille. Erzählungen. Stuttgart: Quell-Verlag 1956.
- Die Verläßlichkeit der Ereignisse. Erzählungen. München: Langen Müller 1958.
- Der Andere. Chorisches Spiel. München: Höfling 1959.
- Das Loch in der Jacke des Grafen Bock von Bockenburg. Roman. München: Langen Müller 1959.
- Kasan liegt an der Strecke nach Sibirien. Bühnenstück. Wuppertal: Johannes Kiefel 1959.
- Der Staatsstreich. Bühnenstück. München: Drei Masken 1962.
- Das Jahr Null und die Bibel. München: Paul List 1962.
- Die Zeiten ändern sich. Bühnenstück. München: Drei Masken 1962.
- Aschermittwoch. Roman. Hamburg: Vlg. der Freizeitbibliothek 1962.
- Die Heiratsannonce. Roman. Hamburg: Mosaik 1966.
- Pastorale 67. Hörspiel. Stuttgart: Reclam 1968.
- Pummerer und andere skurrile Verse. München: Piper 1968.
- Narrensicher. Neue Verse über Pummerer. Berlin: Henssel 1972.
- Der Freiheit eine Allee. Neue Pummerer-Verse. Berlin: Henssel 1974.
- Lebenslauf eines Attentäters. Roman. München: Nymphenburger 1975.
- Die Lust sich am Bein zu kratzen oder Die Orgie des kleinen Mannes. Berlin: Henssel 1976.
- Blühender Unsinn. Neues Pflanzenbüchlein in Versen oder Nachtrag zur Allgemeinen Botanik. Berlin: Henssel 1978.
- Vierundzwanzig Stunden deutsche Ortszeit. Frankfurt a.M., Berlin: Ullstein 1979.
- Pummerers verblümte Halbwahrheiten. München: Hanser 1979.
- Erfahren und erwandert. (Mit Christine Brückner.) Frankfurt a.M., Berlin: Propyläen 1979.
- Dreierlei Wahrheiten über einen Volkshelden. Erzählungen. München: Schneekluth 1980.
- Pummererverse oder Vom Nutzen der Haaresbreiten. Frankfurt a.M., Berlin: Ullstein 1981.
- Trost des Lächelns. Kassel: Ev. Presseverband 1981.
- Die Übungspatrone. Hörspiele. Frankfurt a.M., Berlin: Ullstein 1981.
- Mal mir ein Haus. (Mit Christine Brückner.) Hanau: Hans Peters 1981.
- Wozu noch Gedichte? Gedichte. Frankfurt a.M., Berlin: Ullstein 1983.
- Der Pappkamerad und die Strohpuppe. Satiren. München: Schneekluth 1984.
- Der Traum von einem schöneren Land. Verse vom ernsten Pummerer. Berlin: Henssel 1985.
- Deine Bilder – meine Worte. (Mit Christine Brückner.) Berlin: Propyläen 1987.
- Pummerers rastloser Müßiggang. Berlin: Henssel 1988.
- Mein Eulenspiegel. Neue Historien. Roman. Frankfurt a.M., Berlin: Ullstein 1991.
- Das Lächeln. Mit Bildern von Mary Rahn. Hanau, Salzburg, Wien: Hans Peters-Verlag 1991.
- Ein Lächeln zum Weiterreichen. Das Beste von Otto Heinrich Kühner, genannt Pummerer. Berlin: Ullstein 1994.
- Mein Pummerer-Brevier. Heiter-groteske Lyrik von Otto Heinrich Kühner. Ausgewählt und herausgegeben von Christine Brückner. Berlin: Ullstein 1986.
- Ich will Dich den Sommer lehren. Briefe aus vierzig Jahren. (Gem. mit Christine Brückner.) Hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Friedrich W. Block. Berlin: Ullstein 2003.