Petr Borkovec: „Kassel“

aus dem Tschechischen von Franz Schindler

für FWB

Die deutsche Schriftstellerin Christine Brückner und ihr Ehemann Otto Heinrich Kühner, ebenfalls Schriftsteller, haben mich in ihr Haus nach Kassel eingeladen, um hier einen Oktober zu verleben. Und der Einladung legten sie Photographien bei, auf denen ich sah, dass ihr Haus vorne und hinten mit Lavendel und kleinen Rosen zugewachsen ist und dass im Garten die Statue einer Nymphe steht, die ins Wasser steigt. Oder aus dem Wasser. Ich schrieb, dass ich danke und dass ich kommen werde.

Als ich in Kassel ankam, regnete es, und Christine und Otto waren schon tot. Sie starben gleichzeitig. Ihr Haus war mit dem Lavendel etwas mehr zugewachsen als auf dem Foto, aber ansonsten war alles gleichgeblieben. Mit einem Schwert habe ich mir den Weg und den Zugang freigekämpft, öffnete die Tür und setzte mich in Christines Sessel, das Laptop öffnete ich auf Ottos Schreibtisch und kochte mir in Christines oder Ottos Tasse einen Kaffee. Niemand hatte hier seit ihrem Tod etwas angerührt. Überall um mich herum lagen Bücher, die sie geschrieben hatten (einige gemeinsam), und von allen Wänden und Simsen blickten mich ihre gemeinsamen Fotografien an. Das Haus war bescheiden, drei kleine Zimmer mit Bücherregalen, den einfachsten Sofas und Arbeitstischen. Das Einzige, wofür hier irgendwann einmal Geld ausgegeben wurde – dachte ich mir – waren die Tischlampen, damit man besser auf das Geschriebene sehen konnte. Ich saß und dachte darüber nach und mir kam die Erinnerung an ein anderes berühmtes Paar, das zusammen arbeitete und starb und sich oft fotografierte und filmte. Die Vulkanologen Maurice und Katia Krafft, welche die Vulkane bei der Eruption aus solcher Nähe erforschten, dass sie ein japanischer verschluckte. Als ich einen Dokumentarfilm über ihre Arbeit und ihr Leben sah, merkte ich mir diese bescheidensten Unterkünfte, die sie sich unterhalb der aktiven Vulkane eingerichtet hatten. Ein Leben voller mutiger und ernsthafter Arbeit warf mit Leichtigkeit alles Unnötige von sich. Und die unentbehrlichen Dinge, die zurückblieben, ähnelten den ruhigen, freudigen und schönen Gesichtern ihrer Benutzer!

Ich weiß, dass Christine und Otto nicht zu einem Vulkan mussten, um etwas schreiben zu können. Bis zum Vulkan kannst du einige Dinge nicht bringen! Aber ihr Haus in Kassel ähnelte den nüchternen Arbeitszimmern unterhalb der Vulkane. Und die Schriftsteller ähnelten den Erforschern der lebendig gewordenen Vulkane. Nur im Fenster zum Garten hin stand diese Nymphe und der Regen beklebte sie mit dahinsiechenden Eichenblättern.

Hier in Kassel wachsen überhaupt viele Eichen, von denen klassizistische und romantische Gärtner und auch Joseph Beuys träumten und die jetzt im Oktober das Laub abwerfen. Ihre Blätter erwartet auf dem Weg zur Erde so manch eine Gartenlaube, ein restaurierter Brunnen, eine alte oder neue Statue oder ein Grabengelchen. Und wenn sich am Nachmittag die Sonne zeigt und den Trauerengel bescheint, der in der Nähe der stark befahrenen Straße vor sich hin sinnt – weil die Bombardierung des Krieges, die Kassel fast dem Erdboden gleichmachte, und der schwierige Wiederbau der Stadt auf Schritt und Tritt zu spüren sind – ist die Melancholie das Erträglichste, was den Menschen umgibt. Ein solcher Engel bewacht das Grab von Lotte Amalie, der Schwester der Brüder Grimm. Ein Grab auf der Straße! Fast bin ich darüber gestolpert! An dem schwarzen Flügel des Engels auf dem Grab rauschen von links die Autos vorbei, und gleich rechts daneben schleppt sich auf dem Gehweg ein Trauerzug mit Trommeln und Transparenten „Lockdown sofort beenden“ und „Masken schaden unseren Kindern“ und trägt die Figur eines toten zwölfjährigen Mädchens, eingehüllt in ein Leichenhemd aus Tüchern und Atemschutzmasken.

Wo fällt in Kassel ein Eichenblatt hin, wenn es nicht der Rand eines ausgetrockneten Brunnens aufhält, den ein steinerner Löwe anknurrt. Wenn es nicht die alabasterne Schulter der Flora oder des Hades stoppt, die die Orangerie mit dem Rasen bewachen, der so ausgedehnt und so gepflegt ist, dass er aussieht, als ob er aus polierten Malachitpflastersteinen sei. Wenn es der Wind nicht in die Dachrinne von Humboldts Muschelrestaurant weht?

Wohin steuert diese Trauerdemonstration? Zum Museum des Todes, in dem eine temporäre Ausstellung stattfindet, dem Selbstmord gewidmet!

Ich schließe mich heute weder dem Eichenblatt noch der Prozession an, ich folge ihnen nicht, auch wenn ich weiß, dass man im Kasseler Museum für Tod, Sterben, Bestatten und Trauern Filme vorführt und Bilder und Gegenstände zeigt, welche Dutzende von Türen sperrangelweit öffnen, die schon lange halb geöffnet waren, aber ich hatte nicht einmal gemerkt, dass sie um mich herum an den Wänden sind.

Ich kehre zu dem Haus zurück, das das tote Ehepaar zurückließ. Auf dem Weg mache ich aber einen kleinen Umweg.

Ich gehe mir diese steilen Terrassen anschauen, zu denen sie hier in Kassel Weinberg sagen. Das geöffnete alte Tor, durch das man auf den Weinberg gelangt und hinter dem einige Stufen nach oben führen, umringt von Beeten, die ich zuerst für einen alten Friedhof gehalten hatte, befindet sich – wie dieser Engel von Lotte Grimm – in merkwürdiger Nähe zu einer stark befahrenen Straße, so dass es wie ein Fehler aussieht.

Obwohl ich den Ort nur ein paar Mal für wenige Sekunden von der Straßenbahn aus erblickt habe, als sie vorbei an dem Felsen und den ummauerten Terrassen des erhaltenen alten Teils der Stadt hinunterfuhr und gerade hier an Geschwindigkeit zunahm, war es nicht möglich, ihn nicht zu bemerken. Wegen seiner Unmöglichkeit, seiner Unschicklichkeit. Mein erster Eindruck war, glaube ich, jener, dass das Tor, ohne viel nachzudenken, für den Bau an der Straße versetzt wurde. Dieser Bruch kam mir fast verrückt vor (ich weiß nicht, wie ich es besser sagen kann). Auf den Kopf gefallen! Ich sah aber auch sofort, dass man durch das Tor gut und leicht eintreten kann, dass trotz aller Schwierigkeiten ein unauffälliger Gehweg zu ihm führt, und ich bemerkte, dass in dem einladenden und friedlichen Grün, in welches es führte und das sich schon verfärbte, dort zwischen den von Efeu und Königskerzen zugewachsenen Mauern und auf den Aussichtspunkten, die zur Sonne gewandt waren, niemals jemand war.

Da will ich hin.

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Petr Borkovec lebte und arbeitete den Oktober 2021 über im Dichterhaus Brückner-Kühner mit einem Stipendium des Hessischen Literaturrats.